Blog-Archiv

Von 2006 - 2011 habe ich ein Blog über meine tägliche Arbeit geschrieben.
Das hier ist das Archiv.

Redet nicht über Programme

Viele Webworker erzählen ihren Kunden über die Möglichkeiten des Web 2.0 – oder des Social Web, wie man ja heute eher sagt.

Ich finde das falsch.

Wenn ich als Schreiner in einer 10. Realschulklasse den Schülern von meinem Job erzählen soll, dann erzähle ich auch nicht, wie schön es ist, wenn ein Nagel – getrieben vom Hammer – im Holz versinkt. Ich erzähle nicht von der Säge, wie sie auch dickste Balken teilt und nicht vom Hobel, der den Raum mit seinem Kreischen erfüllt.
Wenn ich die Jugendlichen von meinem Beruf begeistern will, dann erzähle ich doch von maßgefertigten Möbeln, die einem Raum eine Stimmung verleihen. Ich berichte von der Freude, wenn ein Haus entsteht und die glüklichen Bauherren beim Richtfest stolz darin herumlaufen. Vom Charakter, den eine Hausfront durch eine gute Haustür bekommt.

Und so sollten wir auch nicht von twitter oder Facebook reden. Nicht von Gruppen, Seiten oder Hashtags. Uns nicht in eine Diskussion hineinziehen lassen, wie wenig denn bitte 140 Zeichen sind.

Wir sollten statt dessen von Kommunikation und Information reden. Das finden eigentlich alle ganz spannend.

Die Menschen brauchen keine begeisterten Erzählungen über Programme. Sie brauchen begeisterte Erzählungen über schnelle, effiziente, und manchmal auch unterhaltsame Kommunikation.

Interne Nachricht: jetzt alles im FullFeed

Kurze Meldung: Ich habe die RSS-Feeds dieser Seite umgestellt. Statt – wie bisher – nur einen Teaser zu lesen können Sie jetzt die kompletten Artikel im Feedreader lesen.

Das war's schon.

Mein Twitter, Dein Twitter, unser Twitter

Wir Menschen neigen dazu, unsere eigene Erfahrung und unser eigenes Erleben für allgemeingültig zu halten.

Und in vielen Fällen ist das auch sogar richtig oder die Unterschiede sind unbedeutend. Denn natürlich gibt es Erfahrungen, die für uns alle erst einmal gleich sind – wir alle in Deutschland sind zur Schule gegangen, wir alle kennen gleiche Läden, gleiche Marken und haben die gleiche Regierung – um ein paar völlig willkürliche Beispiele herauszugreifen.

Unterschiede gibt es bei diesen Erfahrungen nur in der Art und Weise WIE wir sie erleben oder damit umgehen – denn wie man die Schulzeit überstanden hat oder was man aus dem täglichen Überangebot kauft, ist bei jedem schon verschieden.

Schwieriger wird es, wenn man auf Dinge stößt, die allgemeingültig scheinen, es aber nicht sind.
Gerade das Web bietet da einiges an Möglichkeiten, die wir alle in unserer täglichen Diskussion meist vollständig ausblenden oder sogar vergessen.

Das größte Aha-Erlebnis hatte ich da letztens mit Twitter.

Ich kenne einen Teil meiner Follower persönlich und/oder habe auch noch auf anderen Kommunikationswegen Kontakt zu ihnen. Und natürlich reden wir auch über Twitter. Wir unterhalten uns über Themen, die dort diskutiert werden und über Dinge, die jemand anders gesagt hat.

Und dann saß letztens einer meiner Follower vor meinem Computer und sagte »Dein Twitter ist viel ernster als meins«.

Dein Twitter? Ach so, mein Twitter. Natürlich. Logisch. Meine eigene Timeline. Den Ausschnitt aus twitter, den ich mir pesönlich zusammengestellt habe und den ich – nur menschlich – für das Ganze nehme.
Jeder hat nämlich nur das Twitter, was er sich selbst macht.

Und so ist es eigentlich unmöglich, über twitter zu sprechen. So ist es zum Beispiel genauso unmöglich zu behaupten, dass dort »nur Belanglosigkeiten ausgetauscht werden« wie zu sagen dass »twitter der neue Journalismus ist«.
Jeder, der über twitter spricht, kann nur – und das schon bevor seine eigene Bewertung überhaupt beginnt – über seinen eigenen Ausschnitt, über seine eigenes Erleben sprechen. Und das ist in diesem Fall völlig irrelevant, weil jeder der Millionen anderer twitter-User ein anderes hat.

twitter ist abgebildete Kommunikation zwischen Menschen. Mein twitter ist ein Ausschnitt daraus, den ich – warum auch immer – hören möchte.

Mehr über twitter allgemein zu sagen ist eigentlich unmöglich.

Lesetipp: You are not the User

Lesetipp: Gefährliche Projektion

All die Prognosen, mit denen Internetfirmen um sich warfen, gingen davon aus, dass die gesamte Bevölkerung mit dem Internet umging wie ich. Ich musste nur mit Familie und Nachbarn sprechen, um zu wissen: Das war definitiv nicht so. 

Bitte hier entlang »

Das Internet in Deutschland - Update

Als kleine, traurige Ergänzung zu meinem letzten Artikel über den Umgang mit dem Web in Deutschland mag diese kleine Meldung dienen:

Die SPD-Fraktion im Bundestag prüft laut einem Medienbericht die Einrichtung von Störsendern im Reichstag. Damit solle verhindert werden, dass Abgeordnete aus vertraulichen Sitzungen Nachrichten beispielsweise an den Mikroblogging-Dienst Twitter schicken können, berichtet das Nachrichtenmagazin Der Spiegel.  

(heise online 29.5.09: SPD-Fraktion erwägt Störsender gegen Twitterer)

Man mag jetzt sagen, dass dieses Verhalten »typisch deutsch« oder »typisch Politiker« ist, aber es bleibt eigentlich egal und auch nicht wichtig.

Wichtig ist, dass es ein trauriger aber weit verbreiteter Umgang ist:
Statt sich mit ihrem eigenen Verhalten auseinander zu setzen, statt zu hinterfragen, warum es einen Dienst wie Twitter gibt und warum Menschen ihn benutzen wird ein Verbot aufgestellt. Und weil man interessanterweise der eigenen Fraktion - also sich selbst - nicht vertraut, wird dieses Verbot technisch durchgesetzt. Das ist am bequemsten, denn so muss sich niemand - weder die, die getwittert haben noch die, die es verbieten wollen - mit dem eigenen Verhalten auseinandersetzen.

Das Web ist aber eine Veränderung - eine Veränderung, die auch ein geändertes Verhalten fordert.

Aber niemand kann sein Verhalten ändern, wenn er es nicht vorher reflektiert.

Wie ich schon sagte: Das Leben ist nicht einfach in den Lagern der digital natives ...

Ergänzend empfehle ich auch die Lektür des Artikels »Die unerträgliche Seichtigkeit der deutschen Internet-Debatte« bei netzwertig.com.

Das Internet in Deutschland

Wir schreiben das Jahr 2009. Die ganze Welt ist vernetzt und erfreut sich an den Segnungen eines weltumspannenden Netzwerkes namens "World Wide Web"

Die ganze Welt?

Nein, denn in einem kleinen Entwicklungsland sitzen Menschen an der Macht, die leider nicht verstehen, was da vor ihrer Nase längst passiert ist. Und das Leben ist hart für die Besatzer in den umliegenden Lagern Facebookum, Twitterorum und Xingum.

Wenn es nicht so traurig wäre, dann könnte man so einen sehr launigen Artikel über das Web in Deutschland einleiten.

Leider ist es aber traurig. Denn während zum Beispiel das Manager Magazin seinen Lesern dringend rät, sich doch bitte endlich einmal mit diesem Web auseinander zu setzen ...

Unternehmen sind gut beraten, die Web-Ureinwohner ernst zu nehmen. Denn sie können nicht weniger als unsere Gesellschaft verändern. 

 (18.5.09: Die Revolution der Web-Eingeborenen)

Nicht dabei, nicht interessiert oder schlicht planlos: Eine Untersuchung zeigt, wie brüsk Deutschlands Topunternehmen dem neuen Kommunikationsweg Twitter die kalte Schulter zeigen - und womöglich den Anschluss verlieren. Marketingstrategen fordern ein Umdenken. 

(3.4.09: Ratlos, planlos, kein Interesse)

... wird andernorts gegen das Web und seine Mechanismen Stimmung gemacht. So stellte die Zeit kürzlich noch fest, dass die Politiker zum Beispiel nichts weniger tun, als »eine Generation verprellen«

Im Internet gibt es viele Proteste gegen die geplanten Kinderpornosperren. Politiker haben für die Kritik nur Verachtung übrig. So verprellen sie ihre künftigen Wähler 

(10.5.09: Wie man eine Generation verliert)

Erste Erfolge zeigen sich. Denn während das Soziale Netzwerk Facebook inzwischen mehr User hat, als Russland oder Brasilien Einwohner, geht man in Deutschland lieber auf Nummer sicher und regelt die Web-Aktivitäten lieber klein. Der letzte Rundfunkstaatsvertrag zum Beispiel verbietet den öffentlich-rechtlichen Programmen eine Menge Aktivität im Web. Man mag sich fragen, warum das – ist doch gerade für einen Radio- oder Fernsehsender das Web quasi das ideale Medium um Hintergfrundinformationen anzubieten und so ganz nebenbei mit qualitativ gut recherchierten und aufbereiteten Infos seine Zuschauer zu halten. Aber genau das dürfen das die öffentlich-rechtlichen nicht.

Und so zieht das ZDF erste Konsequenzen: Es streicht ca. 80% seine Webangebotes. Ja. Achtzig. Eigentlich logisch.

Das ZDF will bis zum Jahresende rund 80 Prozent seiner Internetangebote streichen - als Reaktion auf den neuen Rundfunkasstaatsvertrag, der am 1. Juni in Kraft tritt und der die Web-Präsenz der Öffentlich-Rechtlichen beschneidet.
Vom Netz genommen werden bereits bestehende Inhalte von heute.de, zdf.de und sport.zdf.de, bestätigt Unternehmenssprecher Alexander Stock. "Das ZDF wird seinen Online-Bestand deutlich reduzieren. Das betrifft vor allem Textseiten.

(eMarket, Meldung des Tages am 26.5.2009)

Zusammenfassend kann man sagen: Es wird Stimmung gegen das Web gemacht. Wir brauchen das nicht, wir müssen uns nicht anpassen, so flüstert es um uns herum.

Wohin so eine Haltung führt, das können sicher ehemalige Mitarbeiter solcher deutscher Traditionsunternehmen wie Grundig, Siemens oder Braun sicher erzählen. Diese Unternehmen hatten es nämlich auch nicht nötig, den Markt einmal aufmerksam anzusehen oder ihm vielleicht sogar zu folgen.

Das Leben ist nicht einfach in den Lagern der digital natives ...

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