Blog-Archiv

Von 2006 - 2011 habe ich ein Blog über meine tägliche Arbeit geschrieben.
Das hier ist das Archiv.

Kurs Barrierefreiheit im Internet für Redakteure

Barrierefreiheit ist ein Konzept, ich glaube, ich sagte es schon einmal.

Das bedeutet aber auch, dass nicht nur irgendwann einmal der Webdesigner eine barrierefreie Site entwickeln und programmieren muss, sondern dass die Site hinterher auch so gepflegt und geschrieben werden muss, dass sie weiterhin barrierefrei bleibt.

Bei einfach für alle entdecke ich gerade dieses interessante Angebot von Web for All:

Am Donnerstag, den 28. Juni 2007, findet in Heidelberg ein ganztägiger Kurs für Redakteure statt. Die Teilnehmer erfahren, welche Barrieren durch die Inhaltspflege eingebaut werden können. Gezeigt wird, worauf Redakteure achten sollten, damit die langfristige Barrierefreiheit sichergestellt wird.

verräterische Sprache

“Barrierefrei” heisst im englischen “accessible”.

“Accessible” heisst im deutschen “zugänglich”.

Das Gegenteil von “zugänglich” ist “unzugänglich”.

Und? Wer möchte unzugängliche Websites haben?

DLL verschoben?

Blind für Barrierefreiheit?

Joana Zimmer ist - für diejenigen, die sie nicht kennen - eine deutsche Sängerin. Vielleicht dem ein oder anderen bekannt durch den Titelsong zur ARD-Telenovela “Rote Rosen” oder eine im Moment recht häufige Radiowerbung. Mehr Infos gibt es z.B. in der Wikipedia.

Außerdem ist Joana Zimmer blind.

 

Heute bekam ich durch Zufall einen Hinweis auf ihre Website. Hatten wir doch letztens noch einen Vortrag über barrierefreies Webdesign hören dürfen, fiel auf Joanas Site zuerst die Wahlmöglichkeit auf der Startseite auf:

Auswahl zwischen Standard-Version und barrierfreier Version
Man hat die Auswahl zwischen einer “Standard” und einer “barrierefreien Version”.

 

Klingt - wenn man erst mal nicht weiter drüber nachdenkt - erst einmal nicht dumm. Aber wie schrieb ich noch direkt nach dem Vortrag?

Denn Barrierefreiheit ist nicht eine technische Lösung, sondern ein Konzept

Und “den Behinderten” einen Nebeneingang anzubieten, das konnte nach dem wie ich es verstanden hatte keine Lösung sein.

Ein kurzer Vergleich der beiden Versionen machte mich sicherer:

Vergleich der Menues der beiden Versionen: 6 Menuepunkte in der barrierefreien Version, 11 Menuepunkte in der Standard-Version

  • Barrierefreiheit bedeutet hier, keine “Gallery” anzubieten. Ok, Blinde haben vielleicht nicht viel davon, von Screenreader oder Braillezeile mehrfach nacheinander “Foto von Joana Zimmer” vorgelesen zu bekommen, aber es gibt ja noch mehr Gründe, auf eine barrierefreie Version angewiesen zu sein.
  • Barrierefreiheit bedeutet auch, sich nicht im Fan-Club, hier liebevoll “VIP-Lounge” genannt anmelden zu können. Gucken ja, Mitmachen nein, oder wie?
  • Barrierefreiheit bedeutet, auf weitere “Medien” verzichten zu müssen.
  • Auch ein Gästebuch oder den Menuepunkt “CBM Goodwill Ambassador” braucht man wohl nicht, wenn man sich für die barrierefreie Version entschieden hat.
  • Und Hintergrundmusik bekommt man auch nicht.

Besonders der vorletzte Punkt verbirgt noch einmal ein besonderes Detail: Hier verstecken sich Berichte über eine Reise die Joana Zimmer als Botschafterin für die Christoffel Blindenmission 2006 unternommen hat. Das erste Mal kommt mir die Frage, ob Frau Zimmer von dieser Site weiss.

6 zu 11 also zu ungunsten derjenigen, die sich aus irgendeinem Grund für die barrierefreie Version entschieden haben.

 

Eine kurze Nachfrage bei Jan Eric Hellbusch brachte noch eine Bestätigung

Solche “barrierefreien” Versionen sind die klassischen “Textversionen” (mit verminderte Funktionalität) und sind nach der Barrierefreien Informationstechnik-Verordnung absolut zu vermeiden.

Und oben sieht man auch mindestens einen guten Grund, warum das so ist.

 

Schauen wir doch zum Schluß noch schnell hinter die Kulissen - in den Quelltext:
Da sieht man, dass man sich schon einige Gedanken gemacht hat. Der Code ist einigermaßen sauber strukturiert, man hat versucht, die Site gut mit der Tastatur bedienbar zu machen und es gibt verschiedene Kontrast- und Farbeinstellungen für unterschiedliche Sehbehinderungen.
Trotzdem gibt es auch hier eine Menge Verbesserungsmöglichkeiten.

Trotz dieser Mühe, die sich jemand da gemacht hat: Das ist nur ein Anfang. Und kein guter.
Barrierefreiheit ist ein Konzept. Und nicht eine abgemagerte Text-Version einer bestehenden Site.

Bei mir bleibt am Ende das schale Gefühl, dass da jemand gemerkt hat, dass man bei der Website einer blinden Sängerin ja auch auf Barrierefreiheit achten muß. Und man schnell etwas zusammengeschustert hat, ohne sich wirklich eingehend zu kümmern. Aber das ist natürlich nur ein Gefühl. Aber kein gutes.

Google?

Google kennt jeder, darüber muß nichts mehr gesagt werden. Oder?

Wer die Feiertage dazu nutzen will, mehr über die Suchmaschinen zu erfahren, dem sei die sehr gute Facharbeit von Christoph Hörl Google Inc. - Ein einzigartiges Unternehmen empfohlen.
Themen unter anderem:

  • Das Phänomen »Google«
  • Was Google zu diesem Erfolg verhalf
  • Einfachheit und Klarheit
  • Schnelligkeit
  • Das Unternehmen Google Inc.
  • Die Gründer
  • AdWords und AdSense – Googles Milliardenquellen
  • Arbeiten bei Google

Barrierefreies Webdesign - so wars

Kurze Zusammenfassung und ein paar Gedanken zum gestrigen Abend.
Erst einmal vielen Dank an Jan Eric Hellbusch, der den ganzen Abend sehr interessant eine Reise quer durch die Aspekte des barrierefreien Webdesigns machte. Ebenfalls Danke an Andrea und Ellen für Raum und Organisation.

Jan Eric lieferte eine perfekte Einführung in das Thema barriefreies Webdesign. Er begann mit kurzen Definitionen, stellte die wichtigsten Handicaps und wie sie sich auf die Arbeit am Computer auswirken sowie dazu passende Hilfsmittel (alternative Eingabe- und Ausgabegeräte) vor und machte dann noch einen kleinen Ausflug ins Internet, um am Beispiel einiger bekannter und dann auch am Beispiel eines meiner jüngsten Werke zu zeigen, wie er das Internet mit dem Screenreader Jaws erlebt.

Da mir die Grundlagen sowohl möglicher Behinderungsformen aus einem früheren Leben als Student für Sehbehindertenpädagogik als auch die Grundlagen eines standardkonformen und barriefreien Webdesigns bekannt sind brachte mir der Abend zuerst einmal die beruhigende Erkenntnis, dass ich zumindest nicht ganz dumm da stehe. Jan Eric konnte meine Website prinzipiell benutzen und der vergessene Alternativ-Text beim Bild war natürlich peinlich, zeigte eigentlich ein ganz anderes Dilemma auf:

Barrierefreiheit spielt bei der täglichen Arbeit nicht wirklich eine Rolle, weil sie schlichtweg nicht honoriert wird. Und dann wird man unaufmerksam. Hat keine Zeit oder kein Budget mehr für weitere Kleinigkeiten, die anderen helfen könnten.

Neben mir saß Nurdan Ergün und wir stellten übereinstimmend fest, dass es in unserem Alltag schlichtweg niemanden interessiert, ob eine Site barrierefrei ist oder nicht.
So lange bei Barrierfreiheit immer noch nur an “die Blinden” gedacht wird, die man viel zu leicht mit dem Argument “Randgruppe” beiseite schieben kann, so lange wird es vermutlich einen Kunden in einem normalen Betrieb nicht interessieren, ob seine Site mit einem Screenreader zu lesen und mit der Tastatur zu bedienen ist. Und die Texte werden von der Marketingabteilung verfasst und selbstverständlich nicht in leichte Sprache übersetzt.
Und das ist ja auch niemand zu verübeln.

Trotzdem muß das Umdenken da anfangen. Denn Barrierefreiheit ist nicht eine technische Lösung, sondern ein Konzept, das lange vor dem ersten Html-Tag anfängt - das ist mir gestern Abend noch einmal richtig deutlich geworden.

Es muss - und das wird vermutlich noch ein Weilchen dauern - ein Umdenken stattfinden. Denn nicht nur der Mann auf der Straße mit dem weißen Stock ist sehbehindert, sondern auch die Schwiegermutter mit den dicken Brillengläsern. Die gehört aber zur äußerst zahlungswilligen Gruppe der “jungen Alten”, die die Werbung ja auch langsam für sich entdeckt.

Und ich denke da könnten dann mal die ersten Barrieren fallen.

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