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Blind für Barrierefreiheit?

26.04.2007
Joana Zimmer ist - für diejenigen, die sie nicht kennen - eine deutsche Sängerin. Vielleicht dem ein oder anderen bekannt durch den Titelsong zur ARD-Telenovela “Rote Rosen” oder eine im Moment recht häufige Radiowerbung. Mehr Infos gibt es z.B. in der Wikipedia.

Außerdem ist Joana Zimmer blind.

 

Heute bekam ich durch Zufall einen Hinweis auf ihre Website. Hatten wir doch letztens noch einen Vortrag über barrierefreies Webdesign hören dürfen, fiel auf Joanas Site zuerst die Wahlmöglichkeit auf der Startseite auf:

Auswahl zwischen Standard-Version und barrierfreier Version
Man hat die Auswahl zwischen einer “Standard” und einer “barrierefreien Version”.

 

Klingt - wenn man erst mal nicht weiter drüber nachdenkt - erst einmal nicht dumm. Aber wie schrieb ich noch direkt nach dem Vortrag?

Denn Barrierefreiheit ist nicht eine technische Lösung, sondern ein Konzept

Und “den Behinderten” einen Nebeneingang anzubieten, das konnte nach dem wie ich es verstanden hatte keine Lösung sein.

Ein kurzer Vergleich der beiden Versionen machte mich sicherer:

Vergleich der Menues der beiden Versionen: 6 Menuepunkte in der barrierefreien Version, 11 Menuepunkte in der Standard-Version

  • Barrierefreiheit bedeutet hier, keine “Gallery” anzubieten. Ok, Blinde haben vielleicht nicht viel davon, von Screenreader oder Braillezeile mehrfach nacheinander “Foto von Joana Zimmer” vorgelesen zu bekommen, aber es gibt ja noch mehr Gründe, auf eine barrierefreie Version angewiesen zu sein.
  • Barrierefreiheit bedeutet auch, sich nicht im Fan-Club, hier liebevoll “VIP-Lounge” genannt anmelden zu können. Gucken ja, Mitmachen nein, oder wie?
  • Barrierefreiheit bedeutet, auf weitere “Medien” verzichten zu müssen.
  • Auch ein Gästebuch oder den Menuepunkt “CBM Goodwill Ambassador” braucht man wohl nicht, wenn man sich für die barrierefreie Version entschieden hat.
  • Und Hintergrundmusik bekommt man auch nicht.

Besonders der vorletzte Punkt verbirgt noch einmal ein besonderes Detail: Hier verstecken sich Berichte über eine Reise die Joana Zimmer als Botschafterin für die Christoffel Blindenmission 2006 unternommen hat. Das erste Mal kommt mir die Frage, ob Frau Zimmer von dieser Site weiss.

6 zu 11 also zu ungunsten derjenigen, die sich aus irgendeinem Grund für die barrierefreie Version entschieden haben.

 

Eine kurze Nachfrage bei Jan Eric Hellbusch brachte noch eine Bestätigung

Solche “barrierefreien” Versionen sind die klassischen “Textversionen” (mit verminderte Funktionalität) und sind nach der Barrierefreien Informationstechnik-Verordnung absolut zu vermeiden.

Und oben sieht man auch mindestens einen guten Grund, warum das so ist.

 

Schauen wir doch zum Schluß noch schnell hinter die Kulissen - in den Quelltext:
Da sieht man, dass man sich schon einige Gedanken gemacht hat. Der Code ist einigermaßen sauber strukturiert, man hat versucht, die Site gut mit der Tastatur bedienbar zu machen und es gibt verschiedene Kontrast- und Farbeinstellungen für unterschiedliche Sehbehinderungen.
Trotzdem gibt es auch hier eine Menge Verbesserungsmöglichkeiten.

Trotz dieser Mühe, die sich jemand da gemacht hat: Das ist nur ein Anfang. Und kein guter.
Barrierefreiheit ist ein Konzept. Und nicht eine abgemagerte Text-Version einer bestehenden Site.

Bei mir bleibt am Ende das schale Gefühl, dass da jemand gemerkt hat, dass man bei der Website einer blinden Sängerin ja auch auf Barrierefreiheit achten muß. Und man schnell etwas zusammengeschustert hat, ohne sich wirklich eingehend zu kümmern. Aber das ist natürlich nur ein Gefühl. Aber kein gutes.

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