Blog-Archiv

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Blogparade: Wann ist man jemand im Web?

29.09.2010

Anlässlich des Kick-Offs der Eventreihe TwentyTwenty - explo­ring the future rufen die Organisatoren zu einer Blogparade auf: Die Beiträge sol­len Geert Lovinks Vortrag und die nach­fol­gende Diskussion im Radiokulturhaus ergän­zen.

»» Blogparade: Wann ist man jemand im Web?

Das ist doch genau mein Thema – deswegen hier mein Beitrag. Vorwegnehmen möchte ich: Ich habe bewusst die anderen Beiträge (noch) nicht gelesen, um erst einmal unbeeinflusst an das Thema heranzugehen. Also:

Wann ist man jemand im Web?

Um mich der Antwort zu nähern erweitere ich die Frage erst einmal zu: »Wann ist man wer?«

Auf dem Schulhof war das damals recht einfach: Die, die »wer waren«, die standen in einer größeren Gruppe in der Mitte, da gingen die anderen hin, auf deren Meinung hörte man. Wie man zu so einem Meinungsführer wurde, das war ein schwer durchschaubarer Prozess, zu dem sicherlich Faktoren wie die richtige Kleidung, der richtige Musikgeschmack, die richtige Frisur und das richtige Wort zur rechten Zeit gehörten. Oder allgemeiner: Wer perfekt eine Mischung der damals herrschenden Werte repäsentierte, der war jemand.
Trotzdem: Steuern ließ sich das – und alle, die damals nicht »in« waren werden mir zustimmen – nicht. Vor allem die Frage, was denn »richtig« war, entbehrte oft jeder Logik und damit auch jeder Nachvollziehbarkeit.

Wer aber dann einmal erlebt hat, wie der gefeierte Schulhof-Held im Fußballverein von allen zur Sau gemacht wurde oder aber wie das Klassen-Aschenputtel in der Tanzschule zur Königin avancierte, der hat vielleicht schon damals eines begriffen: »Jemand sein« ist immer vom Umfeld abhängig. Ein »Jemand« braucht immer genug Anhänger um sich herum, die ihn zu jemand machen.
Und wer in dem einen Umfeld der König ist, der kann in einem anderen Umfeld ebenso gut ein Niemand sein.

Kommen wir mit diesen Erinnerungen im Gepäck zurück und fragen uns, wann man denn nun im Web jemand ist.

Da – von wenigen Ausnahmefällen abgesehen – Faktoren wie Frisur und Kleidung eine stark untergeordnete Rolle spielen bleibt noch das richtige Wort zur rechten Zeit. Die Frage, was »richtig« ist und was nicht bleibt aber.

Ebenso bleibt, dass wir alle – und das ist nur menschlich – immer nur unseren eigenen Horizont, unser eigenes Umfeld sehen können. Und auch wenn ich vor drei Jahren einmal behauptet habe, dass es drei Internet gibt, gibt es da wohl noch einige mehr. Um ganz praktische Beispiele zu nennen:

  • Für den einen ist facebook ein Ort, den er am liebsten täglich aufsucht, wo er sich mit Menschen austauscht, wo er also sein online-Leben verbringt. Und auch wenn Links an Pinnwänden aus facebook herausführen, so ist facebook doch sein Ausgangspunkt, seine Homebase, sein emotionales Zuhause.
  • Ein anderer ist vielleicht schon länger im Web unterwegs, er hat einige Mailinglisten abonniert und verbringt den sozialen Teil seines online-Lebens hauptsächlich vor dem Mailprogramm.
  • Der nächste pflegt vielleicht mit Hingabe sein eigenes Forum oder verbringt seine Zeit in der anachronistisch wirkenden Welt des IRC.

Allen ist aber eines gemeinsam: Sie sind »im Web«. Und sie nehmen den Teil, der ihr online-Leben bestimmt leicht für das Ganze. Wie gesagt: Nur menschlich.

Es bleibt also, dass sich die Frage nicht wirklich beantworten lässt.
Um noch einmal praktische Beispiele zu bemühen: Als ich vor zwei Jahren einen Nachruf auf Erwin Forner, der eine von mir gelesene Mailingliste ins Leben gerufen hatte veröffentlichte, da fragten mich schon viele meiner »social Web«-Bekannten, wer das denn sei.
Wenn ich innerhalb dieser Mailingliste wiederum den Namen »Sascha Lobo« fallen lasse reagieren dort die meisten mit Unwissen.

Trotzdem sind beide »jemand«. Aber eben nur in einem kleinen Bezugsrahmen, beide sind hier wichtig und dort nicht mehr.

Wenn wir also wissen wollen, wie man im Web jemand wird, dann sollten wir zuerst wissen, dass es »im Web« nicht gibt. Dort aber jemand zu werden ist vermutlich genauso wie auf dem Schulhof: Von innen aus gesehen undurchschaubar aber von außen betrachtet gruppendynamisch völlig klar zu beobachten.
Nur, dass die Fans sich nicht mehr dazustellen, sondern Links setzen, Pinnwand-Einträge teilen und Tweets retweeten, wenn jemand ihre Werte perfekt auf den Punkt bringt.

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